Dienstag, 21. Juni 2011

4 Monate Erasmus - ein Fazit mit gemischten Gefühlen

Seit genau sechs Tagen bin ich nun keine Erasmusstudentin mehr - trotz einiger Hindernisse. An meinem letzten Tag bin ich bei 32°C durch die Stadt gerannt, um 4 Dozenten zu treffen, 3 mal beim International Relations Office vorbei zu gehen, 3 mal insgesamt 4 Seiten beim Copyshop auszudrucken und 5 Unterschriften zu bekommen. Aber letztendlich habe ich das Papier der Papiere bekommen - den Zettel, der bestätigt, dass ich ein Erasmus gemacht habe!
Traurig war ich nicht wirklich, denn für mich ging es gleich weiter: nur einen Tag später hatte ich meinen ersten Praktikumstag bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Büro Budapest.
Doch das war nicht der einzige Grund, warum ich keine Tränen vergossen habe.
Letztendlich war ich froh, dass mein Erasmus (endlich) vorbei ist, denn während fast der halben Zeit habe ich darüber nachgedacht, abzubrechen. Niemand spricht darüber, wenn das Auslandssemester nicht das Wahre ist. Selbst im Internet findet man keine Hilfe! ("Googlen" ist bei mir die Lösung für alles ;) ) Deswegen möchte ich meine erfahrungen teilen - damit diejenigen unter euch, die ein Auslandssemester planen oder gerade eins tun, sich ein Negativbeispiel anhören (bzw. durchlesen) können.

Nach meinen Prüfungen bin ich ins Erasmus gestartet - nachdem ich einen Monat vorher mit meinem Freund zusammen gekommen bin und drei Wochen später als alle anderen Erasmusstudenten. Zwei wichtige Faktoren - und das direkt zu Beginn! Trotz meines veränderten Beziehungsstatuses habe ich mich gefreut auf ein Semester in Szeged.
Folgenden Problemen bin ich begegnet:
  • Die Grüppchenbildung war schon abgeschlossen als ich ankam, weswegen es fast unmöglich war, sich einen Freundeskreis aufzubauen.
  • Obwohl ich viel später angekommen bin, dauerte es ewig, bis ich meinen Stundenplan zusammen hatte. Letztendlich habe ich dann alles selber gemacht.
  • Die Erasmusstudenten hatten eine Art "Routine" für ihre Parties: Donnerstags No.1, danach SZOTE, Freitags Retro und Samstags SingSing. Immer die selbe Musik, die selben Leute, die selben Parties. Ich habe versucht, eine Alternative zu finden (wie etwa Konzerte etc.), aber es war unglaublich schwer, Leute zu finden, die mich begleiten wollten. Eigentlich lief es immer nur auf eine hinaus.
  • Es war unglaublich schwer, die Erasmus-Studenten außerhalb von Parties kennen zu lernen und die "Partybekanntschaften" zu mehr werden zu lassen.
  • Studenten, die zum Studieren ins Ausland gehen, sind offen. Denkt man zumindest. Doch ich traf durchaus auch Ignorante, die partout kein Englisch sprechen wollten, das Ungarisch-Lernen aufgegeben haben, so gut wie gar nicht mit der ungárischen Kultur in Berührung gekommen sind und es vielleicht auch gar nicht wollten, und die ganz entsetzt geschaut haben, als ich erzählt habe, dass ich mit zwei unagrischen Studenten zusammen wohne, die eben auch wirklich studieren. Während seines Erasmuses solle man doch nur mit anderen Erasmus-Studenten zusammen leben und seine Zeit verbringen, da sie den selben Lebensstil hätten.
  • Zu alldem kamen noch gesundheitliche Probleme, die Depressionen und Lethargie als Auswirkung hatten.
Doch es war natürlich nicht alles schlecht! Als ich mich damit auseinander gesetzt habe, ob ein Abbruch sinnvoll ist, habe ich mir noch einmal über meine Ziele Gedanken gemacht. Wenn man ins Ausland geht, hat man immer ein paar Hintergedanken, was man gerne für Erfahrungen sammeln möchte. Bei mir waren es hauptsächlich die Sprachkenntnisse, die ich vertiefen wollte, was auch geklappt hat. Außerdem wollte ich heraus finden, ob ich mir mein Masterstudium in Ungarn vorstellen konnte. Die Antwort darauf habe ich auch bekommen: Eindeutig nein. Das Universitätswesen ist stark verschult mit reinem Auswendiglernen und ohne Diskussionen. Die hoch geehrten Auslandserfahrungen fehlten mir, da ich das Land, die Leute, die Kultur und selbst die Stadt schon kannte.
Warum ich letztendlich nicht abgebrochen habe?
Für mich wäre es um ein vielfaches schwieriger gewesen, zurück zu gehen und allen erklären zu müssen, warum ich nicht mehr im Ausland bin. Außerdem liebe ich das Land trotz aller seine Eigenarten und Verrücktheiten. Alles in allem haben mir die vier Monate einiges gebracht, denn schlechte Erfahrungen können Positives bewegen.
Tipps für all jene, die ins Ausland gehen: vier Monate sind eindeutig zu kurz, um sich richtig einzuleben. Und wenn ihr euch dazu entschließen solltet, dann ganz und nicht nur halb so wie ich. Seid offen und kämpft euch aus dem Bett, egal wie schlecht das Wetter ist! Schaut über die Erasmus-Horizonte, denn sonst habt ihr nichts als Erasmus-Erfahrungen und bleibt in eurem Trott.
Und wenn ihr ans Abbrechen denkt: Sprecht mit jemandem darüber! Eine sehr gute Freundin von mir hat mir wirklich geholfen!